Mittwoch, 2. November 2016

Hunger

Vor einigen Tagen,
 sah ich im TV einen Bericht über eine junge Alleinerziehende Frau.
Mit ihren Erfahrungen würde sie Vorträge und Lesungen durch führen.
Erfahrungen, die immer noch ein Tabu seien
und vor allem in der reichen Schweiz nicht denkbar.
Die Rede war von
 
 ARMUT
und
HUNGER
 
Und ob es das gibt!
Dachte ich.
Klar es war eine andere Zeit,
doch gibt es überhaupt eine genaue Zeit für diesen Zustand?
Wenn es dich erwischt, dann ist doch jede Zeit unpassend.
 
Da kam mir folgendes Erlebnis in den Sinn...
 
Als ich 7 Jahre alt war,
also vor 50 Jahren.
 zogen wir an das andere Ende der Schweiz,
 in eine hübsche Historische Stadt.
Am Rande dieser,
 bewohnten wir eine 3 Zimmer Wohnung in einem netten Mietblock.
Wir, das waren mein Bruder, Mutter, Vater und ich.
Sah ich aus dem Kinderzimmer Fenster blickte ich direkt,
soweit mein Auge reichte,
 in die Rebberge.
Ich liebte es!
 
Meine Mutter tat sich,
 die ganzen 4 Jahre dort sehr schwer.
Sie konnte einfach keine Kontakte zu knüpfen.
Obwohl sie wirklich zu den offenen Menschen zählte.
"Sie sind hier halt ganz anders als Zuhause
und dann die Sprache"
meinte Sie,
 wenn man Sie darauf ansprach.
Dieser Satz sprach Bände.
Zuhause - wäre ja nun dieser Ort gewesen,
nicht in der Vergangenheit.
Die Sprache war Französisch,
 die Sie nie beherrschte.
Dafür lernten wir diese schneller als gedacht.
(Dazu aber irgendwann mal mehr)
 
Ihr und unser ständiger Begleiter war dafür immer wieder 
 
DER HUNGER!
 
Es war einfach nie genügend Geld für die Familie da.
Nicht das meine Eltern nicht Arbeitsam gewesen wären,
nein -
 nur...
 einer der Beiden Erwachsenen,
 trug das Geld nach Feierabend wo anders hin.
Auf jeden Fall nicht nach Hause.
 
Mein Vater arbeitete erst in einer kleinen Werkstatt,
später ging er auf Montage oft ins Ausland.
Meine Mutter nahm eine Putzstelle an,
strickte Puppen und Kinderkleider um diese zu verkaufen.
Es reichte jedoch hinten und vorne nicht.
 
Unser Speiseplan war meist sehr bescheiden.
Haferflocken, Mais, Griess und der verhasste Milchreis.
Die 4 Kandidaten die praktisch immer aufgetischt wurden.
Einmal mit warmer Milch gekocht -
einmal mit kalter Milch übergossen.
In Suppe mit wenig Gemüse,
 oder mit brauner Tütensauce.
Mama sagte:
"Haferflocken machen starke Fingernägel
und glänzendes Haar"
Denn,
 diese Flocken fanden am meisten den Weg auf den Tisch.

Seltener gab es Spagetti mit Tomatensauce,
oder ein Wurstragou mit Kartoffeln.

Etwas ganz besonders war es jedoch,
 wann Papa Ende Monat seinen Lohn erhielt.
Damals noch in einem braunen Tütchen,
Dann wurde Fleisch eingekauft.
Es war jedes mal ein Festessen.
Er kochte dann auch
und das konnte er sehr gut.

Im kleinen Laden der im selben Haus war,
wurden die Einkäufe in ein blaues Büchlein eingeschrieben.
Man zahlte Ende Monat -
manchmal auch nur so wie es gerade ging.
Die Besitzerin eine alte Frau,
 war recht grosszügig
und steckte uns hin und wieder eine Süssigkeit zu.

Und dann war da noch das Glück,
dass wir in der Schule zur Pausenzeit einen Apfel
und manchmal eine kleine Tüte Milch erhielten.
Oder beim Bäcker das Brot vom Vortag günstiger kaufen konnten.

Im Herbst fragten wir Kinder die Weinbauern nach Trauben.
Erinnere mich,
 das wir meist 2 Franken bezahlten
und einen ganzen Korb voll nach Hause trugen.
Davon machte Mama zum Teil Konfitüre oder Gelee
Diese wurde dann ...
na rate?
zu Griessbrei serviert
hahahahaha

Auch gingen wir Sonntags auf Pilz- & Beerensuche.
Meist Erfolgreich.
Die Pilze wurden getrocknet und
in einem Leinensack,
aufgehängt an der Küchentüre aufbewahrt.
Davon wurde dann immer wieder mal etwas aufgeweicht
und zum Beispiel mit dem Reis mit gekocht.

und dann war da noch unser Engel Monsieur D.
(von ihm habe ich auch schon im Blogeintrag vom 11.07.16 erzählt)
Einmal stand er mit einem grossen Topf auf der Eingangsmatte.
"Isch abe eine Kaninschen billig eingekauft
und gleisch für euch gekocht"
strahlte er mit seinem französischen Akzent.
Stelle ihn wenig später auf den Tisch
und ass mit uns das Festmahl.

Während des ganzen Essens erwähnte Papa immer wieder:
"Also die Rotweinsauce ist ja Super gut.
Aber ewas komische Knochen für ein Kaninchen?"

Na gut!
Mein Vater ein belesener und studierter Mann
(Studium bis kurz vor Abschluss)
ging Monsieur D. so lange auf den Nerv,
bis der nach dem Essen,
mit der flachen Hand auf den Tisch klopfte
und spukend und keuchend,
 mit hochrotem Kopf schrie:
"Na gut -
ist Katze,
aber du und deine Kinderschen aben nun Bauch voll
und at auch geschmeckt.
Oder nischt?"

Vielleicht rümpfst du nun die Nase beim lesen.
Doch für uns Kinder war diese Nachricht,
wie ein Abenteuer.
In der Schule erzählten wir:
"stell dir vor, wir haben Katze gegessen
und leben immer noch!"
Es wurde zum Volkssport im Quartier Ausschau zu halten,
welche Katze denn nun wohl fehlen mag.
Ich sage Dir - jeden Tag eine andere.
hahahaha

Mama wollte,
komischerweise,
 auf jeden Fall nichts gekochtes mehr von Monsieur D.

hahahahaha!

Doch Hilfsbereit wie dieser ältere Herr war,
hatte er folgendes in Petto...

"Schnell - Schnell...
Rief er - wahrscheinlich wieder mit Bluthochdruck.
So rot wie sein Kopf leuchtete.
Schob dabei Mama etwas unsanft am Po,
zu uns auf die Rückbank seines Oldtimer`s.
Papa sass vorne und fragte immer wieder:
"wo fährst du uns hin Marcel?"

"Isch abe eine Überraschung für Eusch"
Antwortete dieser
 und keuchte als müsse er das Auto mit eigener Kraft vorantreiben.
Ich bin überzeugt, dass Mama beim Wort:
Überraschung...
im Zusammenhang mit Monsieur D. einen Kloss im Hals bekam.

Egal!

Irgendwann stiegen wir aus dem Auto.
Er hatte mitten in einer Aprikosen Plantage geparkt.
Breitete die Arme aus,
nach dem er aus dem Kofferraum Harassen,
Tasche und Körbe geholt holt hatte,
und sagte:
"So...
nun abt ihr eine Stunde Zeit,
nehmt so viele ihr könnt."
Er wirkte wie ein Feldherr!
trieb uns an,
unsere Behältnisse aufzufüllen.

Wir Kinder tanzten erst eine Runde und riefen
Aprikosen - Aprikosen!
bis Monsieur D. meinen Bruder,
 einen sanften Klapps an den Hinterkopf gab und sagte:
"Jüngschen - Aprikosen flücken!"
und zu mir, mit liebevollem Blick:
"Allez ma Petite - du auch!

Wir taten wie geheissen,
nicht,
 ohne uns immer wieder einen süssen Bissen zu genehmigen.
Sie waren Granaten Mässig gut,
gross und in der Farbe wunderschön.
Ich behaupte nun mal,
dass ich nie mehr wieder in meinem Leben,
 so schöne und gute Aprikosen gegessen habe.

Irgendwann fing Monsieur D. ganz hektisch,
 mit den Händen zu fuchteln an .
"Alle hier her."
mmmmhhh?
was war denn jetzt los?
"Alle Aprikose in die Auto - schnell, schnell"
Er trieb uns an wie Napoleon seine Krieger in die Schlacht.
So kommt es mir zumindest Rückblickend vor.
"Mach schnell - abe noch wichtige Termin"

Alles verstraut und das Auto um viiiiiiiiiiiele Kilos schwerer,
 fuhren wir wieder nach Hause.
Es wurde ausgeladen und in der selben Nacht kochte Mama,
Kompott, Konfitüre und machte Schnitze um sie zu trocknen.
Diese gab es dann zur Belohnung und das andere....
natürlich zu Griessbrei oder ein bisschen in die Haferflocken.

gröööööhl!

Ich weiss nicht mehr wann,
aber irgendwann...
nach Wochen,
 platzte die Bombe.
Hörte nur wie Papa sich ärgerte und zu Monsieur D. sagte:
"also Marcel - das geht nicht!
Wir sind dir dankbar wenn du uns unterstützt,
aber zu Kriminellen lassen wir uns nicht machen."

Monsieur D. hätte nämlich von Anbeginn gestehen müssen:
"Isch abe gar keine Plantage"

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