Mittwoch, 9. November 2016

Otto...

"Attention les caillous"

(Achtung Steine)
 
schrie mein Bruder und wir rannten uns die Lunge aus dem Leib.
Unsere Kinderbeine gaben alles.
"Manchmal wenn ich so schnell springe,
 habe ich das Gefühl als könne ich fliegen."
Vertraute ich meinem Bruder am Abend an.
"Das ist die Angst!
die lässt uns fliegen."
Sagte er mit ernstem Gesicht.
"Ach! könnten wir das doch wirklich"
Wenn er so ernst sprach war sein Gesicht immer ganz weiss
und seine Augen stachen dunkelbraun,
 wie zwei Knöpfe hervor.
 
Wir sassen im gemeinsamen Kinderzimmer
6 & 7 Jahre alt.
 Wollten darüber beratschlagen wie wir das nächste mal,
ein weiteres Mal,
unbeschadet davon kommen könnten.
Doch am nächsten Tag hiess es wieder

"Attention les caillous"

Warum wir das beim wegrennen auf Französisch schrien?
Wahrscheinlich,
 weil wir das immer vor dem Angriff zu hören bekamen.
Nämlich jedes mal dann,
 wenn wir das Gebäude,
 wo mein Bruder in den Kindergarten
 und ich in die 1.Klasse gingen,
 verliessen.
 
Wir waren unlängst von der Nordwestschweiz
in die *französische Schweiz gezogen.
Natürlich ohne Freunde
und noch schlimmer ohne die Ortsansässige Sprache.
(Dieser Ort ist Zweisprachig,
so auch der Schulstoff
 doch die Hauptsprache ist Französisch)
Unser Schulweg zirka 30 Minuten,
(im Winter 45 oder mehr)
war zumindest in einem Drittel,
 zur Kampfzone erklärt worden.
Nicht von uns!
Nein!
Eine Gruppe von Jungs,
etwa im selben Alter wie wir oder auch ein bisschen älter,
hatten beschlossen einen Krieg gegen uns zu führen.
 
Ich erinnere mich ganz genau als der erste Stein flog.
Wir durchquerten gerade das Schultor
 und betraten den Gehweg.
Plötzlich gab es einen dumpfen Schlag.
Mein Bruder fasste sich an den Kopf
und kurz darauf rann ein kleines Blutrinnsal,
 zwischen seinen Fingerchen hervor.
Ich gab ihm mein Stofftaschentuch,
dass er auf die Wunde drückte
und dabei begannen wir weinend und schreiend zu rennen.
Wir rannten und rannten....
und die Steine flogen und flogen.
 
Zu Hause wurde die Wunde von den Eltern begutachtet:
"Ach! das ist nur eine kleine Beule,
das ist nicht so schlimm.
Ihr müsst euch halt wehren,
dann hören die schon auf."
Pflaster drauf und gut war.
Für die Eltern...
 nicht für uns.
 
Den Spruch "sich wehren" hörten wir von Mal zu Mal.
Irgendwann hörten wir auf,
 zu Hause davon zu erzählen. 
Dafür stieg die Angst Tag für Tag mehr.
Denn waren es zu Beginn 3 Jungs die uns irgendwo abpassten,
waren es zu Spitzentagen bis zu 12 oder mehr.
 
Die Nonne (Lehrerin) darauf angesprochen,
meinte:
"ihr müsst euch halt anpassen,
dann gibt sich das von selbst."
Als ich ihr die blauen Flecken,
 auf meiner Haut,
 von den Steinen verursacht zeigte,
zuckte sie die Schulter und drehte sich ab. 
 
Anpassen?
Einer der Steine werfenden Jungs schrie uns einmal zu:
"Ihr gehört nicht hierher,
Ihr sprecht unsern Dialekt nicht und kein Französisch"
Ach! das war es.
Doch dieses Problem liess sich nicht so einfach über Nacht lösen.
 
Doch irgendwann schickte uns der liebe Gott,
davon waren wir überzeugt,
jemanden.
 
Er war einen Kopf grösser als wir,
kräftig gebaut und nannte sich Otto.
Warum plötzlich Otto in unserer Geschichte stand...
 weiss ich nicht mehr.
Woher er kam - keine Ahnung!
Er war einfach da!
 
Otto hatte den selben Nachhause Weg wie wir.
Besser gesagt in etwa der Hälfte,
 nach der kleinen Brücke musste er abbiegen.
Er marschierte wacker mit uns mit.
An diesem ersten Tag mit Otto blieben die Steine aus.
Wir konnte es nicht glauben.
Einmal einen Tag ohne rennen und ohne Beulen.
 
Am zweiten Tag jedoch flogen die Steine wie gewohnt.
Wir rannten auch wie gewohnt.
Dieses Mal jedoch Otto mit.
Am 3. Tag erklärte uns Otto:
"Die tricksen wir jetzt aus,
ihr müsst mir einfach folgen."
 
Das taten wir dann auch.
Otto - Ortskundiger als wir,
kannte verschiedene Schleichwege.
Doch nach kurzer Zeit,
hatten das auch unsere "Gegner" erkannt
und passten uns dort ab,
wo Otto sich von uns verabschieden musste,
weil sein Nachhauseweg sich von unserem Abzweigte.
 
Eines Tages wartete Otto strahlend vor dem Schultor auf uns,
und erklärte in seinem breiten Walliser Deutsch:
"Ich hab eine Idee und hab das Gestern getestet.
Ihr braucht dafür 5 Minuten länger.
Das macht doch nichts oder?"
dabei klopfte er meinem Bruder auf die Schulter 
und mich hielt er bei der Hand.
"Ihr könnt ganz ruhig bleiben"
sagte er und zwinkerte dabei mit den Augen.
 
Otto war unser Held!
 
Wir gingen mit ihm mit.
An der kleinen Brücke vorbei.
Dort sahen wir an einer Hausecke,
 die verdutzten Gesichter unserer Widersacher. 
Denn anstatt rechts unseren üblichen,
Den fliegenden Steine Weg zu gehen,
führte uns Otto links auf seine Nachhause Route.
 
"Vertraut mir!"
sagte er
Das taten wir.
Nach wenigen Metern standen wir vor einem riesigen Fabrik Gebäude.
"Das gehört meinem Papa und eines Tages mir."
sprach und trat mit uns durch einen Lieferanten Eingang.
Im Inneren riesige Kessel, Männer, Lärm und kleine Gabelstapler.
Dort bewegten wir uns mit Hilfe von Otto hindurch
und irgendwann gingen wir durch einen kleinen Ausgang ins Freie.
"So"
sagte Otto mit roten Wangen und strahlenden Augen
"Nun müsst ihr keine Angst mehr haben,
einfach da gerade aus,
dann kommt ihr in eure Strasse,
zu eurem Haus."
 
Und so war es auch!
 Otto meinte:
"ich weiss nicht ob das für immer so klappt,
falls nicht..."
dabei stellte er sich stolz hin
"ich hab noch einen grossen Bruder,
der ist mir noch einen Gefallen schuldig."
lachte und verschwand mit einem
"Ciao Freunde"
durch die kleine Tür.
 
Wir taten einen tiefen Atemzug,
so als hätte man uns nach 100 Jahren in die Freiheit entlassen.
Packten uns an den Händen
und sprangen,
diesmal vor Freude,
 nach Hause.
 
Wir wissen nicht ob es dieser neue Nachhause Weg war,
den wir nun viele Wochen benutzten,
oder der unsichtbare grosse Bruder von Otto.
Auf jeden Fall,
 war nach Monaten der Torturen,
 diese Hetzjagd endlich Geschichte.
 
Otto blieb bis zu unserem Wegzug,
 nach 4 Jahren unser bester Freund.
 
Unendlich viele Jahre später,
wir hatten Otto nie mehr wiedergesehen,
sass ich spät Nacht am TV.
Zappte etwas rum und blieb auf einem Sender hängen,
der ein Portrait eines sehr umstrittenen Politikers zeigte.
Es wurde über seine Jugend,
sein Elternhaus und seine Pläne in der Politik gesprochen.
 
Es hätte mir gleich auffallen sollen.
Die Zahnlücke, der grosse lange Mann
mit provokanten Ideen und wie er sprach...
Otto!
Vielen Dank für deine Hilfe!
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