Sonntag, 25. Dezember 2016

Das Reisebäumchen...

Es war einmal...
so beginnen in der Regel alle Märchen.
Doch irgendwie passt dieser Einstieg auch in diese, meine Geschichte.
Eine Geschichte welche ich in Zukunft gerne auch als Weihnachtserzählung weitergebe.
 
Also!
 
Es war einmal...
auf einem Markt in Italien ein Orangenbäumchen.
Es stand genügsam in einem Topf mit Erde aus der Gegend.
Es stand nicht alleine,
doch hätte man es gefragt,
hätte es gesagt:
"ich bin das Schönste hier.
mmmhhhh - oder besser gesagt,
überhaupt,
in ganz Italien!
 
Ja ja - die Italiener,
so sind sie nun mal.
Gesegnet mit Selbstwertgefühl und einer Portion Stolz.
Ganz unrecht hatte es schon nicht,
denn an ihm,
unter den dunkelgrünen Blättern hingen 3 Orangen.
Sowas konnte kein anderes vorweisen.
 
Genau diese sprangen einer Dame aus der Schweiz in die Augen.
Schon vor einem Jahr hatte sie in ihrem Urlaub dort,
ja genau dort -
schon solche Bäumchen entdeckt.
Doch wären die Umstände des Transports,
 so ungeschickt verlaufen,
dass sie es unterliess eines zu kaufen.
 
Jetzt -
ein Jahr später...
zisch! Bumm!
Liebe auf den ersten Blick!
Ja das gibt es wirklich.
Und es lag in diesem Falle bestimmt nicht nur an den 3 Früchtchen.
Gesehen, verhandelt und gekauft,
befand sich das Orangenbäumchen,
 kurze Zeit später in einem besonderen Gefährt.
Sowas hatte es in seinem Dasein noch nie gesehen.
Unter uns...
es befand sich in einem Wohnmobil auf dem Campingplatz.
Dort wurde es liebevoll gehegt und gepflegt.
Morgens rausgestellt und Abends ins Innere gehoben.
Zu gross war die Angst der Schweizer Dame,
das die Orangen plötzlich abhanden kommen könnten.
Wurde sie Tagsüber,
des Öfteren mit etwas gierigen Augen darauf angesprochen.
Manch einer leckte sich dabei schon die Lippen.
 
"Nein - nein,
das kam nicht in Frage.
Da nahm ich lieber die ganze Mühe auf mich."
Erklärte sie später dem Menschen,
 welcher als Adoptivperson für das Bäumchen gedacht war.
"Morgens stellte ich es raus ob in Caorle bei Venetien
oder Lazise am Gardasee.
Abends nahm ich es rein.
Nach einiger Zeit kaufte ich einen Sonnenschirm,
weil ich dem Bäumchen keinen Sonnenbrand zumuten wollte.
Auch dieser wurde täglich auf- und abends zugeklappt.
Gab immer genügend Wasser
und behielt die 3 Orangen im Auge,
als wären es goldene Eier.
Ich hatte echt zu tun.
Doch ich tat es gerne."
Erzählte sie eifrig.
 
Nach einiger Zeit war der Urlaub zu Ende.
Zeit,
 dem Bäumchen die Schweiz auf der Heimreise zu zeigen.
Viele Woche stand es Abends draussen
und Nachts drinnen.
Genau!
Das Ritual wurde fortgesetzt.
Nicht alleine wegen der Nachbarn,
welche beim Anblick der 3 Orangen,
plötzlich den selben Blick bekamen,
wie die Menschen in Italien auf dem Campingplatz.
 
Der Sommer zog vorbei,
Der Herbst tapste in grossen Schritten heran
und der Geburtstag der zukünftige Adoptivfrau stand vor der Tür.
 
Ein Telefonat brachte etwas Verdruss.
Hatte sich die Schweizer Dame die Übergabe so schön ausgemalt.
So wollte sie das Bäumchen,
 von der Ostschweiz in die Nordwestschweiz an die Geburtstagsfeier fahren
 und dort mit viel Liebe übergeben.
Doch,
nun wurde ihr gesagt:
"Bin gar nicht zu Hause,
bin im Tessin."
 
Grübel - grübel und studier,
kurzerhand wurde das Wohnmobil gesattelt,
das Bäumchen eingeladen
und....
Na rate mal?
Ja! Genau!
Die 3 Orangen
 und die unzähligen Blätter,
 lernten nun auch noch das Tessin kennen.
 
Die Freude war gross,
wenn nicht sogar riesig!
So was hatte die nun neue Besitzerin des Bäumchens noch nie erlebt.
 
Doch gab es einen kleinen Wehrmutstropfen.
Wie sollte das vom Tessin in die Deutschschweiz transportiert werden?
War das kleine Auto am Tag der Abreise schon so voll gestopft
und jedes Plätzchen war eine Rarität.
 
"Ich mach das schon irgendwie" 
sagte der Mann
guck!
hier hinter deinem Sitz,
da stell ich es hin.
Damit dich die Blätter nicht in den Nacken piksen,
legen wir sanft deine Fleecejacke drüber.
Du musst dann halt einfach ein bisschen weiter vorne sitzen
und etwas gerader als sonst."
 
"Kein Problem!"
Sagte die Frau,
denn auch sie war nun schon dem Zauber des Orangenbäumchens verfallen.
 
Die Fahrt führte sie ausnahmsweise über den Lukmanier
 und den Oberalppass nach Göschenen...
Es war eine Idee des Mannes.
"Mal eine andere Strecke,
nicht immer durch oder über den Gotthard"
 
"Gute Idee"
fand die Frau
und hätte das Bäumchen etwas sehen
und sprechen können,
hätte es bestimmt beigepflichtet.
Denn es war ja irgendwie schon eine Art Reisepflanze.
 
Nach einem Mittagessen auf dem Pass
schnupperte es durch das gestellte Fenster Bergluft.
In der Nähe von Luzern,
merkte es die Unruhe von der Frau.
Deren Rücken meldete sich mit Schmerzen
und hatte Sehnsucht nach der sonst gewohnten Sitzposition.
 
Egal!
Sie standen es alle durch.
(sind ja keine Weichlinge,
Hauptsache dem Bäumchen ging es gut)
Und irgendwann kamen sie alle gesund und ...
mmmmhhhhh....
halbmunter zu Hause an.
Bäumchen wurde an einen ganz besonderer Platz,
 mit viel Licht gestellt.
Wurde weiterhin mit warmem
und kalkarmen Wasser gegossen.
Die 3 Orangen hielten wie je zuvor
und strahlten wunderschön.
Jeder der zu Besuch kam,
steuerte direkt auf die 3 Früchte hin.
die Frau musste wie Cerberus aufpassen,
dass niemand an diesen rum drückte.
 
 
 
Es wurde immer wieder mal ein Fotogemacht
und der Käuferdame geschickt.
Mit solchen oder ähnlichen Worten:
"Guck! Es geht ihm gut!"
oder
"Guck! es steht in der Sonne!"
oder
"Guck! es trägt jetzt ne Adventsschleife"
 
Am 23. Dezember früh morgens...
"Maaaa aaaaann!
ein Ruf halte durch das Haus
"Wir haben ein Weihnachtsgescheeeeeeeeenk!"
 
Strahlend hielt die Frau eine Orange in der Hand.
"Die ist abgefallen und lag im Topf.
Das heisst bestimmt,
das sie gut ist"
Mit überzeugtem Gesicht,
 schrieb sie sofort eine Mitteilung,
 mit Bild,
 in die Westschweiz.
 
Ein lachender Smiley kam zurück
 
Am Abend des 24.Dezember,
 wurde die Schale der Orange feierlich
(ohne Italienische Hymne - hahahaha)
entfernt.
Brüderlich geteilt.
Ein Foto gemacht
und dann genüsslich wie eine Kostbarkeit verspeist.
 
"Sie ist Haaaaaammmeeeeeer!"
strahlte sich das Ehepaar an.
"und weisst du was!"
fragte der Mann
"ich hatte auch noch 3 Kerne drin.
Die drücken wir in Erde -
mal gucken ob was draus wird."
 
"Wie ein Weihnachtsgeschenk
von unserem Orangenbäumchen -
wie schööön!"
säuselte die etwas verliebt Frau
 

 

Liebe Schwester,

vielen Dank,

 für dieses besondere Geburtstagsgeschenk.
Deine Strapazen damit, die Pflege und Obhut.
Und nicht zuletzt,
für diese ungewöhnliche Geschichte,
welche damit verbunden ist.
Es ist nicht nur ein Orangenbäumchen,
sondern ein Reise- und Freudenbäumchen.
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