Donnerstag, 3. August 2017

Italiener...

Welche Sprachen sprichst Du?
fragte mich jemand,
 in einem Gespräch über Reisen, vor ein paar Tagen.
 
"Also ...
Englisch, nur was ich von den Songs her so gelernt habe."
Konnte mir dabei ein verschämtes Grinsen nicht verkneifen
 
"Französisch - wobei nicht mehr so gut wie früher,
weil es halt immer so ist wie es ist...
Na - Du weisst, wenn man die Sprache nicht mehr regelmässig spricht,
dann verliert man sie."
 
Mein Gegenüber nickte.
"So geht es mir mit dem Italienisch."
entgegnete er mir.
 
"Ach! Italienisch...
das ist bei mir so eine Sache für sich..." gestand ich:
"Meine Mutter war Halbitalienerin,
hat jedoch nie ein Wort mit uns in dieser Sprache gesprochen."
Mein Gegenüber machte einen Verständnisvollen Blick
"Das ist wirklich schade.
"Wie wird dann eine Schweizerin draus?"
meinte er.

"Na in dem meine Mutter halb Italo, halb Französin einen Walliser heiratet.
Gab ich lachend zur Antwort.
Das gibt dann eine Temperamentvolle Schweizerin!!!
hahahaha"
 
Ich erzählte weiter:
Früher, während meiner Lehrzeit, hatte ich einige Italienische Freundinnen
und so verstehe ich relativ viel...
Doch stehe ich mir mit meinen Hemmungen es zu sprechen, irgendwie selbst im Weg.
Ich bekomme keinen ganzen Satz zustande. So glaube ich zumindest."
Gestand ich...
"Doch, mit Händen und Füssen kommt man so bin ich überzeugt überall auf der Welt durch
und verhungern muss man wegen diesem Defizit bestimmt auch nicht."
Da waren mein Gegenüber und ich uns einig.

Später - zu Hause erinnerte ich mich plötzlich wieder an Opa.
Das Gespräch zeigte seine Wirkung, obwohl er schon einige Jahre nicht mehr lebt.
 
Ja, ja - mein Opa! Er war schon eine Nummer für sich.
Der Italiener mit den 5 oder waren es 7 Vornamen?
Ich weiss nur noch 2 -
Attilio und Bruno.
Er benutzte sie Beide, die Restlichen liess er aussen vor.
Doch fand ich nie heraus warum er wann welchen benutzte.
Er kam als ganz junger Kerl aus Bologna als Gastarbeiter in die Schweiz.
Lernte hier meine Oma kennen. Sie wiederum war eine in der Schweiz lebende Französin.
Einige Dörfer von Opa entfernt wohnhaft.
Oma erzählte mir einst, dass er sich an seinen freien Tagen jedes Mal zu Fuss aufmachte um sie zu besuchten. Meine Recherche ergab das ein Weg beinahe 3 Stunden dauert.
6 Stunden Fussmarsch an einem Tag - Das muss Liebe sein!
seufz!
Zusammen hatten sie 7 Kinder. Oma erzählte, dass noch 2 Kinder verstorben waren.
Irgendwie war es schon kurios, meine jüngste Tante ist 7 Jahre älter als ich.
Wir spielten wie Geschwister zusammen.
Man erzählte mir auch, dass als man ihr erklärte sie wäre Tante, sei sie in Tränen ausgebrochen und hätte geschluchzt: "Ich will aber zu Hause bleiben."
*hahahahaha*
 
Oma erzählte auch, dass Opa in jungen Jahren ein richtiger Filou war
und sie immer ein wenig ein Auge auf ihn werfen musste.
Ich wusste ohne grosse Erklärungen was sie damit gemeint hat.
Denn wenn ich mit Opa mal Einkaufen ging, machte er gerne Spässchen mit den Verkäuferinnen.
So auch mit der Kioskfrau, der Serviertochter oder beim Arzt mit der Assistentin.
Er lachte über seine eigenen Witze am meisten, war eitel, roch daher immer gut und hatte Temperament für 3.
Ich habe Opa nie mit schlechter Laune gesehen. Oder ich erinnere mich nicht.
 
Nur mit meinem Vater, der einst ein Arbeitskollege von ihm war,
war er nicht immer einverstanden. So auch als dieser seine Tochter (meine Mama) heiratete.
Sie knappe 20 - er 34, fasste Opa seine Tochter nach der Trauung am Arm und erinnerte sie:
"Auch heute Abend kommst Du mir nicht zu spät nach Hause."
Meine Mama fiel aus allen Wolken und erklärte dem Italiener eindringlich:
"Papa - es hat nun ein Ende.
Das Spazieren mit der ganzen Familie,
die Bewachung von meinen Brüdern in deinem Auftrag
und das Nachhause kommen nach deinen Vorstellungen.
Ich bin jetzt eine Verheiratete Frau und ich wohne nun mit meinem Mann zusammen."
 
Man kann es sich kaum vorstellen, dass in diesem immer lachend Mann,
ein richtiger Italienischer Macho und Familienregent wohnte.
Auch ich bekam das zu spüren, als ich für 2 Jahre im selben Haus in einer kleinen Mansarde über ihnen wohnte. Er bespitzelte mich ständig, funkte alles meinen Eltern und machte aus einem harmlosen Freundes Besuch in meiner keinen Bude, beinahe einen Orgien Treff.
Zum Glück wussten alle wie Opa tickte. Italo halt! sagte man sich ohne Respektlos ihm gegenüber sein zu wollen.
 
 Am liebsten hatte er alle seine Schäfchen am Sonntag zu Spaghetti Essen am grossen Tisch.
Bei seiner Frau, Kinder mit Partnern und Enkeln blühte er förmlich auf.
Nebst einer Eisenbahnanlage die ein ganzes Zimmer füllte und Oma ein Dorn im Auge war,
gesellte sich sein liebstes Hobby das Spazieren hinzu.
Zumindest nannte er es so.
Wenn ich mich nun so daran erinnere glich es eher dem heutigen Walking ohne Stöcke und ich glaube, die 3 Stunden Fussmarsch als junger Mann,
absolvierte er bestimmt in 2. Mit ihm unterwegs zu sein, hiess Power Power Power...
*hahahahaha*
Sogar im hohen Alter, als meine Oma nicht mehr war, ratterte er täglich seine Kilometer ab
und kehrte anschliessend zu Kaffee und Kuchen bei einer seiner 3 Freundinnen (so nannte er sie) ein.
Über 80, erzählte er mir mal, dass er im Dilemma stände, weil die Frauen mehr von ihm wollten als er. Ihm würde Spazieren und Kaffeekränzchen reichen. Er wolle weder mit einer zusammen leben, noch sonst was. Seine einzige und alleinige Frau sei meine Oma gewesen.
Er wolle die nicht einfach so ersetzen.  
Ich fand das so süss...und musste ihn grad drücken.

Ja ja - mein Opa!
Der eines Tages zum Ehrenbürger seines Schweizer Ortes ernannt wurde.
Er war stolz wie Bolle.
Mein Opa - Der im Alter damit begann, immer wieder mal über Ausländer zu schimpfen.
Vergessen, dass er einst Mittellos aus einem andern Land kam
und mit seiner grossen Familie und Hund lange Zeit in einer Holzbarrake lebte.
Erinnerte man ihn daran, dann meinte er:
"Das ist etwas anderes."
Blitze mich mit seinen dunklen Augen an, fuhr sich über das schüttere Haar, das einst dunkel gewesen und sein Gesicht wurde von dem typischen Grinsen erhellt.
Mein Opa - der Italiener!
Kommentar veröffentlichen